Teil 7 – Methoden-Reflex: Wenn das Tool das Ziel ersetzt
Methoden geben Sicherheit. Sie strukturieren Gespräche, schaffen Orientierung und versprechen Wirksamkeit.
Gerade deshalb gehören sie zu den beliebtesten Werkzeugen in Moderation und Mediation. Und genau deshalb bergen sie eine letzte, oft unterschätzte Stolperfalle: Methoden werden eingesetzt, bevor das Ziel wirklich klar ist.
Warum Methoden so verführerisch sind
Methoden liefern Handlungssicherheit. Sie geben das Gefühl, „etwas zu tun“, wenn Prozesse stocken oder unübersichtlich werden.
Ein Tool verspricht Struktur. Ein Ablauf verspricht Kontrolle. Ein bekanntes Format vermittelt Professionalität.
Doch genau hier beginnt die Gefahr: Der Prozess richtet sich nach der Methode – statt die Methode nach dem Prozess.
Was passiert, wenn das Tool das Ziel ersetzt
Der Ablauf funktioniert. Die Schritte werden sauber durchlaufen. Und trotzdem bleibt ein schales Gefühl zurück.
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Beiträge bleiben oberflächlich.
Weil das Format Tiefe nicht vorsieht. -
Beteiligte spielen mit.
Ohne innerlich wirklich beteiligt zu sein. -
Der Prozess wirkt „fertig“.
Aber nichts ist wirklich geklärt. -
Die Verantwortung liegt beim Tool.
Nicht bei den Menschen im Raum.
Die Methode wurde korrekt eingesetzt. Der Prozess nicht wirklich geführt.
Zielklarheit kommt vor Methodenauswahl
Professionelle Prozessführung beginnt nicht mit der Frage: „Welche Methode passt hier?“
Sondern mit Fragen wie:
- Was soll nach diesem Schritt anders sein als vorher?
- Worum geht es hier wirklich – Klärung, Entscheidung, Verständnis, Entlastung?
- Was braucht diese Gruppe jetzt – und was nicht?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, wird eine Methode zum Werkzeug – statt zum Selbstzweck.
Methoden dienen dem Prozess – nicht umgekehrt
Eine gut gewählte Methode unterstützt, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Sie darf angepasst, verkürzt, unterbrochen oder auch verworfen werden, wenn der Prozess es verlangt.
Das erfordert Mut: den Mut, Sicherheit loszulassen und sich am tatsächlichen Geschehen im Raum zu orientieren.
Ein letzter Praxisblick
Du hast eine Methode vorbereitet. Sie passt auf dem Papier perfekt.
Im Raum merkst du: Die Gruppe ist woanders. Es braucht etwas Einfacheres, Offeneres.
Du legst die Methode beiseite und stellst stattdessen eine klare Frage:
„Was würde uns an dieser Stelle wirklich weiterbringen?“
Kein Tool. Kein Ablauf. Aber Bewegung.
Reflexionsfrage
Greife ich in schwierigen Situationen zuerst zur Methode – oder zur Klärung des eigentlichen Ziels?
Alle 7 Stolperfallen im Überblick
Von gut gemeinten Lösungen über innere Agenden bis zur richtigen Nutzung von Methoden: Die komplette Blogserie zur professionellen Prozessführung in Moderation und Mediation.
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