Teil 1 Lösungen vorsagen: Warum es so verführerisch ist
Es gibt diese Momente, in denen eine Lösung so deutlich vor uns liegt, dass wir sie fast automatisch aussprechen möchten. Ein kurzer Hinweis, ein wohlmeinender Impuls – und schon wäre der Knoten vielleicht gelöst.
Und genau hier beginnt eine der typischsten Stolperfallen in Moderation und Mediation: Wir rutschen in eine Rolle, die eigentlich nicht unsere ist.
Denn sobald wir eine Lösung anbieten, verändert sich etwas Grundlegendes im Prozess: Die Verantwortung wandert – leise, aber spürbar – von den Beteiligten zu uns.
Warum diese Stolperfalle so menschlich ist
Wir alle sind darauf trainiert, Probleme zu erkennen und zu lösen. Es fühlt sich hilfreich an, vielleicht sogar fürsorglich. Und manchmal ist die „richtige Antwort“ tatsächlich zum Greifen nah.
Aber professionelle Prozessführung bedeutet etwas anderes: den Raum zu halten, statt ihn zu füllen. Nicht für andere zu denken, sondern ihnen zu ermöglichen, selbst zu denken.
Was passiert, wenn wir Lösungen vorsagen?
Meistens gar nichts Dramatisches – aber etwas Entscheidendes verschiebt sich:
- Die Eigenverantwortung sinkt.
Menschen lehnen sich innerlich zurück, wenn jemand anderer „es weiß“. - Die Lösung gehört nicht mehr ihnen.
Und damit verliert sie oft an Kraft und Tragfähigkeit. - Der Prozess bekommt eine Richtung, die von uns ausgeht.
Auch wenn es nur ein kleiner Impuls war. - Die Gruppe wird abhängig.
„Sag du doch, wie wir weitermachen sollten…“
Gut gemeint – aber im Ergebnis häufig hinderlich.
Was professionelle Prozessführung stattdessen tut
Sie erhöht die Klarheit, nicht die Inhalte. Sie gibt Struktur, aber keine Antworten. Und sie vertraut darauf, dass Menschen Lösungen finden können, wenn der Raum stimmt.
Hilfreiche Fragen dafür sind zum Beispiel:
- „Was wäre für Sie jetzt ein nächster sinnvoller Schritt?“
- „Welche Möglichkeiten sehen Sie gerade?“
- „Wessen Idee würden wir gern einmal genauer hören?“
- „Was könnte ein Ansatz sein, der für alle funktioniert?“
Ein kleiner Praxisfall
Ein Team dreht sich im Gespräch seit Minuten im Kreis. Du spürst die passende Struktur sofort – ein kurzer Hinweis und der Knoten wäre gelöst. Der Satz liegt dir schon auf der Zunge:
„Vielleicht könnten Sie…“
Und dann atmest du einmal ein. Stattdessen fragst du:
„Was fehlt Ihnen gerade, um den nächsten Schritt zu erkennen?“
Ein kurzer Moment Stille. Dann entsteht eine Idee – nicht deine, sondern eine aus dem Team. Und der Prozess bewegt sich wieder.
Reflexionsfrage
Wann war ich das letzte Mal kurz davor, eine Lösung vorzuschlagen – und was hat mich im richtigen Moment bremsen lassen?
Teil 2 – Die unsichtbare Parteinahme
Neutralität ist weniger eine Technik als eine innere Haltung. Wie unbewusste Signale, Mikroreaktionen und Formulierungen Nähe oder Distanz erzeugen – und wie du deine Mitte findest.
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