Teil 6 – Emotionen übergehen: Wenn „weitergehen“ zur Blockade wird
Emotionen gehören zu jeder Moderation und jeder Mediation. Sie sind da – ob wir sie ansprechen oder nicht.
Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen wir innerlich denken: „Das klären wir später.“ „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.“ „Wenn wir hier stehen bleiben, kommen wir nicht weiter.“
Genau hier liegt eine der häufigsten und wirksamsten Stolperfallen: Emotionen zu übergehen, um im Prozess voranzukommen.
Warum diese Stolperfalle so verbreitet ist
Emotionen wirken unberechenbar. Sie kosten Zeit, öffnen neue Themen und lassen sich nicht planen.
Für die Prozessführung entsteht schnell ein innerer Zielkonflikt: Struktur halten oder innehalten? Klärung sichern oder Dynamik riskieren?
Viele entscheiden sich – oft unbewusst – fürs Weitergehen. In der Hoffnung, dass sich die Emotionen „von selbst“ beruhigen.
Was passiert, wenn Emotionen übersprungen werden
Meist bleibt der Prozess äußerlich ruhig. Innerlich aber verschiebt sich etwas Entscheidendes:
- Gesagtes bleibt unverarbeitet.
Inhalte stehen im Raum, ohne dass sie wirklich ankommen. - Widerstand wird unsichtbar.
Zustimmung wirkt klar – ist aber oft nur formell. - Der Prozess verliert Tiefe.
Entscheidungen wirken richtig, tragen aber nicht. - Die Dynamik kehrt zurück.
Später, an anderer Stelle, oft deutlich stärker.
Was übersprungen wird, ist selten erledigt. Es wartet.
Innehalten ist kein Stillstand
Professionelle Prozessführung bedeutet nicht, jede Emotion ausführlich zu bearbeiten.
Oft reicht es, sie sichtbar zu machen. Kurz. Klar. Ohne Analyse.
Zum Beispiel durch Sätze wie:
- „Ich nehme gerade viel Spannung wahr.“
- „Da scheint etwas Wichtiges berührt zu sein.“
- „Bevor wir weitergehen: Was braucht es an dieser Stelle?“
Dieses kurze Anerkennen verändert den Raum. Es verlangsamt – und macht genau dadurch Weitergehen möglich.
Ein Praxisbeispiel
In einer Mediation wird eine Einigung formuliert. Inhaltlich passt alles, formal herrscht Zustimmung.
Du bemerkst jedoch: Stimmen sind leiser geworden, Blicke wandern, der Körper geht auf Distanz.
Statt den nächsten Punkt aufzurufen, hältst du kurz an und sagst:
„Bevor wir das festhalten – fühlt sich das für alle wirklich stimmig an?“
Es entsteht ein Moment der Irritation. Dann kommt etwas auf den Tisch, das sonst geblieben wäre.
Der Prozess wird langsamer – und genau dadurch tragfähiger.
Reflexionsfrage
Woran merke ich bei mir selbst, dass ich gerade lieber weitergehen würde, obwohl eigentlich ein Innehalten nötig wäre?
Teil 7 – Methoden richtig einsetzen: Ziel schlägt Tool
Wann Methoden helfen – und wann sie den Prozess eher verdecken. Warum nicht das Werkzeug entscheidet, sondern das Ziel, dem es dient.
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