Teil 5 – Eigene Agenda: Wenn Prozessklarheit zur Richtungsvorgabe wird
Es gibt Situationen, in denen wir sehr genau wissen, wie ein Prozess „eigentlich“ laufen sollte. Wir sehen Muster, Risiken, Abkürzungen. Wir spüren, was jetzt hilfreich wäre.
Und oft merken wir erst spät, dass wir innerlich längst unterwegs sind – mit einer eigenen Vorstellung, einer Idee vom guten Ausgang, einem Wunsch nach Ordnung oder Lösung.
Genau hier liegt eine besonders feine Stolperfalle in Moderation und Mediation: die Verwechslung von Prozessklarheit mit eigener Agenda.
Warum diese Stolperfalle so leise ist
Im Unterschied zu offenen Grenzüberschreitungen wirkt diese Stolperfalle professionell. Sie tarnt sich als Erfahrung, als Überblick, als Verantwortung.
„Ich will ja nur, dass es vorankommt.“ „So kommen wir hier nicht weiter.“ „Das habe ich schon hundertmal gesehen.“
All das kann stimmen – und trotzdem beginnt an dieser Stelle oft eine innere Verschiebung: Der Prozess folgt nicht mehr den Beteiligten, sondern unserem inneren Kompass.
Woran du merkst, dass eine eigene Agenda übernimmt
- Du wirst innerlich ungeduldig.
Bestimmte Schleifen „dürften jetzt wirklich vorbei sein“. - Du lenkst subtil.
Fragen werden enger, Optionen verschwinden, Alternativen wirken plötzlich unplausibel. - Du argumentierst innerlich.
Noch bevor jemand spricht, weißt du schon, warum das so nicht funktionieren kann. - Du willst etwas erreichen.
Ein Ergebnis, eine Einsicht, eine Entscheidung.
Das Problem ist nicht, dass diese Impulse auftauchen. Das Problem ist, wenn sie unbemerkt die Führung übernehmen.
Prozessklarheit ist etwas anderes als Richtungsvorgabe
Prozessklarheit heißt nicht, zu wissen, wo es enden soll. Sie heißt, den Rahmen zu sichern, in dem andere ihren Weg finden können.
Sie zeigt sich zum Beispiel darin:
- Phasen deutlich zu markieren („Wollen wir gerade sammeln oder entscheiden?“)
- Tempo sichtbar zu machen („Wir sind noch im Erkunden.“)
- Widersprüche stehen zu lassen, statt sie aufzulösen
- Offen zu bleiben für Ergebnisse, die du selbst nicht erwartet hast
Prozessklarheit führt – ohne vorzugeben.
Ein kurzer Praxisblick
In einer Mediation zeichnet sich früh eine Lösung ab, die aus professioneller Sicht „vernünftig“ wirkt. Du merkst, wie du Fragen so stellst, dass genau diese Richtung wahrscheinlicher wird.
In dem Moment hältst du innerlich inne und stellst dir eine einfache Kontrollfrage:
„Diene ich gerade dem Prozess – oder meiner Vorstellung von einem guten Ergebnis?“
Manchmal reicht diese Frage, um wieder einen Schritt zurückzutreten und den Raum erneut den Beteiligten zu überlassen.
Reflexionsfrage
Woran merke ich bei mir selbst am schnellsten, dass ich innerlich schon weiter bin als der Prozess?
Teil 6 – Emotionen übergehen: Die häufigste Blockade
Wenn Gefühle im Raum sind, aber niemand innehält. Warum echtes Vorankommen oft erst beginnt, wenn Emotionen wahrgenommen statt übersprungen werden.
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