Ungeduld ist keine Schwäche – Spannung halten in der Mediation
Warum Spannung Energie ist und Führung braucht
Ein verbreitetes Missverständnis
Ungeduld hat einen schlechten Ruf. Sie gilt als Zeichen mangelnder Kontrolle, als Unreife oder als etwas, das man im professionellen Kontext besser im Griff haben sollte.
Ich erlebe Ungeduld anders.
Ungeduld ist Energie. Sie entsteht dort, wo Spannung spürbar wird, wo etwas offen bleibt, unklar ist oder schmerzhaft langsam vorangeht.
Diese Energie ist kein Störsignal. Sie ist ein Sensor. Ungeduld macht aufmerksam auf Engpässe, Ambiguitäten und auf das Vakuum eines Prozesses, das schwer auszuhalten ist.
1. Die stillen Formen der Ungeduld
In professionellen Kontexten zeigt sich Ungeduld selten als offenes Drängen. Sie tritt leise auf, gut gemeint und sachlich verpackt.
Zum Beispiel als eine Frage zu viel, die den Denkraum anderer unterbricht. Als Zusammenfassung zur falschen Zeit, die Exploration beendet, bevor sie wirklich begonnen hat. Oder als Lösungsvorschlag, bevor klar ist, worum es eigentlich geht.
Diese Interventionen wirken hilfreich. Tatsächlich verkürzen sie Prozesse, die Zeit brauchen würden.
2. Ungeduld will entlasten
Der Kern liegt selten im Prozess. Er liegt in uns.
Ungeduld will entlasten, nicht primär die Situation, sondern die eigene innere Spannung.
Denn Spannung auszuhalten heißt, nicht sofort zu wissen, nicht sofort zu handeln und nicht sofort wirksam zu sein. Das ist anspruchsvoll.
Ungeduld verspricht Erlösung durch Aktion.
3. Die Pause als professionelle Haltung
Genau hier entscheidet sich Prozessqualität.
Professionelle Haltung zeigt sich nicht darin, Ungeduld zu unterdrücken oder zu disziplinieren, sondern darin, sie wahrzunehmen und ihr nicht sofort zu folgen.
Nicht jede Spannung ist ein Problem. Manche ist ein notwendiger Zwischenraum.
Ungeduld wird problematisch, wenn sie unbemerkt die Führung übernimmt. Sie wird hilfreich, wenn sie als Hinweis verstanden wird, worum wir gerade einen Bogen machen möchten oder was wir kaum aushalten.
Zwischen Reiz und Reaktion liegt oft der entscheidende Moment.
Fazit: Führung entsteht im Halten
Führung entsteht nicht durch Aktion, sondern durch Präsenz.
Dort, wo Ungeduld wahrgenommen, aber nicht sofort ausagiert wird, bleibt der Prozess offen und entwicklungsfähig.
Spannung ist kein Fehler im System. Sie ist Teil davon.
Ein Gedanke aus meiner Praxis.
Einordnung in die Serie
Dieser Beitrag ist Teil einer dreiteiligen Reihe zur professionellen Haltung in der Mediation: Analyse & Nähe , Ungeduld & Spannung und Klarheit & Beziehung. Die drei Texte beleuchten unterschiedliche innere Bewegungen, die Mediationsprozesse prägen und zeigen, wie Haltung darüber entscheidet, ob Beziehung entsteht oder verloren geht.
Diese Haltungsfragen sind integraler Bestandteil der kompakten Mediationsausbildung sowie der modularen Mediationsausbildung der PFEOS Akademie.
Möchten Sie die Inhalte lieber hören?
Kein Problem! Hier finden Sie eine kurze Audio-Zusammenfassung. So können Sie unsere Inhalte auch bequem beim Pendeln, Kochen oder Spazierengehen anhören.