Teil 2 Die unsichtbare Parteinahme – Stolperfalle Nr. 2 in Mediation & Moderation
Viele Mediatorinnen und Mediatoren kennen diesen Moment: Man glaubt, sauber zu führen – und trotzdem zieht sich eine Partei zurück oder wird spürbar schärfer. Nicht, weil „offen Partei ergriffen“ wurde. Sondern weil kleine Signale Nähe oder Distanz erzeugen: ein Nicken, ein zu schnelles Zusammenfassen, ein Wort, das bewertet wirkt, ein Timing, das sich „ungerecht“ anfühlt.
Das Tückische: Unsichtbare Parteinahme passiert oft aus guter Absicht – zum Beispiel, weil wir deeskalieren, schützen oder „den Prozess retten“ wollen. Der Preis ist hoch: Vertrauen bricht weg, Allparteilichkeit wird angezweifelt und der Raum wird enger.
Woran unsichtbare Parteinahme erkennbar wird
Oft zeigt sie sich nicht im Inhalt, sondern in Beziehungszeichen:
- Eine Partei bekommt mehr „Raum“ (Zeit, Nachfragen, Verständnis), die andere eher Struktur oder Korrektur.
- Zusammenfassungen wirken bei A „wärmer“ und bei B „kürzer“ oder „technischer“.
- Du reagierst schneller auf Emotionen der einen Seite – und langsamer auf Emotionen der anderen.
- Du erklärst mehr für eine Seite („Das meint er bestimmt so…“) und lässt die andere eher stehen.
- Du stellst unbewusst führende Fragen – aber nur in eine Richtung.
Die häufigsten Fallen (und wie du zurück in die Mitte findest)
1) Mikroreaktionen
Nicken, Lächeln, Stirnrunzeln, ein „mhm“ an der falschen Stelle – das sind Mini-Botschaften. Lösung: bewusst neutral atmen, Blickkontakt gleichmäßig verteilen, Reaktionen verlangsamen.
2) Wortwahl mit Bewertung
„Immer“, „nie“, „eigentlich“, „doch“, „ja aber“ – manche Wörter klingen wie Urteil. Lösung: Sprachhygiene (neutral paraphrasieren, Konjunktiv nutzen, Interpretationen markieren).
3) Timing, das „unfair“ wirkt
Eine Seite wird unterbrochen, die andere darf ausreden – selbst wenn es gut gemeint ist. Lösung: Regeln transparent machen („Ich achte auf gleiche Redezeiten“), aktiv ausgleichen.
4) Rettungsimpuls
Du willst beruhigen – und gibst damit einer Seite Recht („Das war doch nicht so gemeint“). Lösung: beide Wirklichkeiten halten („Auf der einen Seite… und gleichzeitig…“).
5) „Erklären“ statt spiegeln
Erklären fühlt sich hilfreich an – kann aber wie Bündnis wirken. Lösung: Spiegeln vor Deuten. Erst Wirkung und Bedürfnis, dann ggf. Hypothese – klar als Hypothese.
Mini-Übung: „Zurück in die Allparteilichkeit“ (90 Sekunden)
- Stopp innerlich: „Ich bin gerade schneller bei Person A/B.“
- Ein Atemzug länger ausatmen. Schultern lösen. Tempo senken.
- Ein Satz, der beide Seiten gleichwertig hält, z. B.: „Ich möchte beide Perspektiven sauber erfassen.“
- Eine symmetrische Frage an die „übersehene“ Seite: „Was ist Ihnen daran wichtig?“
Die Wirkung ist oft sofort spürbar: Der Raum wird wieder breiter.
Checkliste: 7 Sätze, die Neutralität stärken
- „Ich fasse neutral zusammen – sagen Sie mir bitte, was ich übersehen habe.“
- „Ich höre zwei Perspektiven. Beide sind für den Prozess wichtig.“
- „Ich halte das als Hypothese – stimmt das für Sie?“
- „Darf ich kurz ausgleichen: Was ist auf Ihrer Seite gerade zentral?“
- „Ich trenne Wirkung und Absicht: Was ist angekommen – was war gemeint?“
- „Ich möchte, dass sich hier beide Seiten gleich ernst genommen fühlen.“
- „Ich stoppe kurz, um fair zu bleiben – wir gehen Schritt für Schritt.“
Teil 3
Warum Tempo in der Mediation eine unterschätzte Rolle spielt – und wie ein zu schnelles Vorgehen Prozesse blockieren kann, obwohl fachlich alles „richtig“ erscheint.
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